„Warum, dachte ich, sinkt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat?“ So fragte der Schriftsteller Heinrich von Kleist in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine nach Betrachtung eines gewölbten Tors. Wir suchten vielleicht nicht die Antwort auf diese Frage, aber wir suchten nach Antworten und Erklärungen zu diesem seltsamen, widerborstigen, zwischen allen Stühlen sitzenden Phänomen Kleist, der von manchen als die deutsche Antwort auf Shakespeare verstanden wird, für andere dagegen der Spinner mit den Bandwurmsätzen ist. Und für diese Antworten machten sich der LK Deutsch Q 1 und Q 2 gemeinsam am 05. Oktober auf nach Frankfurt/Oder. Dorthin, wo Kleist aufgewachsen ist und Teile seines sehr windungsreichen, aber kurzen Lebens verbrachte. Dorthin, wo der Fluss Oder Polen (Slubice) und Deutschland (Frankfurt) trennt. Dorthin, wo in dieser Woche die Kleist-Festtage und das weltweit einzige Kleist-Museum auf uns warteten.
Frankfurt empfing uns mit warmer Herbstsonne und den offenen Armen von Frau Dalchau aus dem Kleist-Museum. Sie zeigte uns die Stadt und wichtige Stationen in Kleists Leben. Bevor wir abends im Museum noch den interessanten, aber wenig erbaulichen Film „Amour fou“ über den Doppelselbstmord von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel gezeigt bekamen, trennte uns nur noch ein Weg über die Oderbrücke von unserer Unterkunft im polnischen Slubice. Der zweite Tag brachte uns schon wieder eine Bahnfahrt, diesmal in das nur eine Stunde entfernte Be
rlin. Das Jüdische Museum zeigte auf beeindruckende Weise, wie Architektur, Ausstellungen und die dort arbeitenden Menschen, es schaffen, an das Grauen zu erinnern, Räume zu schaffen, in denen Erfahrungen der Vergangenheit, des Exils, der Ausgrenzung und Vernichtung präsent sind, die einen Verzweiflung und Ohnmacht fühlen lassen und die uns gleichzeitig einen Auftrag für heute mitgeben, sich gegen Diskriminierung, Rassismus und Menschenhass jeder Art zu stellen.
Für die verbleibende Zeit in Berlin hatten wir sehr unterschiedliche Bedürfnisse: Ausruhen im Tiergarten, eine Mall besuchen, Brandenburger Tor fotografieren oder einen Fuchs beobachten im Botanischen Garten, diese kleine und unvollständige Auswahl zeigt die Bandbreite der Unternehmungen.
Der Mittwoch gehörte nun aber wirklich voll und ganz Kleist. Am Vormittag bekamen wir von Frau Dalchau eine Führung durch die Ausstellung „Rätsel. Kämpfe. Brüche“ im Kleist Museum. Das Museum bietet weniger Gegenstände aus Kleists Leben – auch weil kaum etwas übrig ist – sondern versucht, den Schriftsteller und seine Art zu schreiben, zu denken, zu leben und mit dem Leben zu kämpfen, über die Ausstellung und die Architektur (schiefe Böden, ein Labyrinth aus Stangen) greifbarer machen. Unser Mittagessen nahmen wir in der Mensa der Viadrina Europa Universität ein: zwischen Erstsemester:innen der Rechtswissenschaften, draußen, am Oderufer. Schön! Frisch gestärkt, gelang es uns in dem Workshop von Dr. Adrian Gliebe uns in den Anfang des Lustspiels „Der zerbrochne Krug“ zu versenken und mit neuen, kleinen Perlen aufzutauchen. Doch damit war der Tag noch nicht zu Ende. Am Abend wurde in der Stadt Frankfurt/Oder der Kleist-Förderpreis an das beste Theaterstück unveröffentlichter Autor:innen vergeben. Die Preisverleihung war ein lustvolles Plädoyer für das Theater, der Gewinner Kaleb Erdmann, bekannter Poetry-Slammer, auch anwesend. Im Anschluss sahen wir die Premiere von dem Gewinnerstück „Debritz“ – kurzweilig, witzig, keine Angst vor alten Mythen (Barbarossa trinkt Club Cola!) und voll Lust an der Provokation. Am Donnerstag mussten wir dann schon wieder Abschied nehmen von Frankfurt/Oder und Slubice, ein Zwischenhalt in Berlin gab es dann noch die Möglichkeit in den Nationalgalerien Werke aus dem Kunstunterricht (und vieles mehr) mal im Original zu bestaunen. So reich an Eindrücken, neuen Gedanken und mit ein paar polnischen Süßigkeiten im Gepäck erreichten wir Bremen am späten Donnerstagabend. Offen ist nun noch die Frage Kleists, warum das Gewölbe trotz fehlender Stütze nicht einstürzt. „Es steht,“ so beantwortet Kleist seine eigene Frage, „weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.“
